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Auf den Spuren der DDR in Ost-Berlin

Exkursion der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Sommersemester 2026

Vom 26. bis zum 29. Mai 2026 brachte eine gemeinsame Exkursion Studierende der Technischen Universität Bergakademie Freiberg und der Johannes Gutenberg‑Universität Mainz zum zweiten Mal zusammen. Während die Exkursion des Vorjahres in Görlitz das Thema Zwangsarbeit behandelte, war das Thema der diesjährigen Exkursion die Geschichte der DDR. Daher besuchten wir den Ostteil Berlins, die ehemalige Hauptstadt der DDR. Organisiert und geleitet wurde die Exkursion erneut von Prof. Dr. Eva‑Maria Roelevink (TUBAF) und Dr. Freia Anders (JGU).

Mich interessierten sowohl Inhalt als auch der Rahmen der Veranstaltung. Die gemeinsame Veranstaltung einer ost- und einer westdeutschen Universität legte das Augenmerk auf den Ost-West-Dialog. Als Kind zweier Eltern aus unterschiedlichen Staaten des Warschauer Pakts (UdSSR und Volksrepublik Polen), in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, habe ich einerseits in vielerlei Hinsicht eine westdeutsche Sozialisation erfahren, doch gleichzeitig hatte auch die Ost-Sozialisation meiner Eltern Einfluss auf mich. Außerdem habe ich während meines ersten Studiums mehrere Jahre in Jena gelebt und dabei festgestellt, dass es auch nach über drei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung merkliche Unterschiede zwischen der westdeutschen Bundesrepublik und den „neuen Bundesländern“ gibt. Das Thema Ost-West-Dialog berührt mich also auf einer sehr persönlichen Ebene, doch interessiert es mich auch in akademischer Hinsicht. Im Mittelpunkt der Exkursion stand die „Oral History“, also die mündlich überlieferte Geschichte durch Zeitzeugen. Noch immer ist die Geschichte der DDR stark fragmentiert und in weiten Teilen gänzlich unerforscht. Für uns eine Möglichkeit, klaffenden Desiderate anzugehen. In der Tat habe ich nicht nur viel für meine angestrebte wissenschaftliche Laufbahn gelernt, sondern konnte durch den Kontakt mit ostdeutschen Studierenden auch persönlich wachsen.

Da die Studierenden der TUBAF im Rahmen des Exkursionsthemas eine Hausarbeit verfassen müssen, die Studierenden der JGU jedoch nicht, war die gegenseitige Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeit Teil des Programms. Alle Studierenden organisierten dazu gemeinsam für den letzten Tag der Exkursion eine kleine Tagung. Ein erster Programmpunkt war ein Zeitzeugenworkshop im Lernort Keibelstraße. Hierbei handelt es sich um ein von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gefördertes Lernangebot, das sich in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der DDR befindet. Zunächst bekamen wir einen Einblick in den historischen Kontext und die Architektur des Gefängnisses. Dann wandten wir uns der Oral History zu und erarbeiteten praxisnah unser erstes Zeitzeugeninterview. Michael Schuhhardt, ein ehemaliger Gefangener, der wegen „Totalverweigerung“ des Wehrdienstes in der DDR inhaftiert worden war, hat bereits viele Zeitzeugeninterviews gegeben und präsentierte eine routinierte Narration seiner Lebensgeschichte. Die Frage, wie er als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer zur Wiedereinführung der Wehrpflicht in der heutigen Bundesrepublik stehe, durchbrach diese Routine.

Am nächsten Tag besuchten wir die ehemalige Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit. Dort erhielten wir eine Führung von Herrn Leide, einem Mitarbeiter des vereinsgeführten Museums. Wir gewannen Einblicke in das zentrale Repressionsorgan der DDR und behandelten anhand dieses Gegenstands die DDR aus Perspektive der Institutionen, jedoch gleichzeitig auch alltagsgeschichtlich. Im Anschluss fand ein weiterer Zeitzeugenworkshop statt. Unser Zeitzeuge konnte uns äußerst interessante Einblicke in die jugendlichen Subkulturen der 80er Jahre in der DDR geben. Am frühen Abend führte uns Achim Bahr vom Stalinbauten e. V. durch die Karl-Marx-Allee, ehemals Stalinallee. Er vermochte es, uns die Geschichte dieses imposanten Großbauprojekts auf sehr lebendige und unterhaltsame Weise näherzubringen und seine Begeisterung für Architektur und Geschichte der Stalinbauten zu übertragen.

Am Freitag tagten wir am Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo uns zwei Beteiligte des von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten und von Lucie Mattig geleiteten Projekts „Ost-West-Dialoge. Vom Monolog zur gemeinsamen Bühne“, das historisches und theaterpädagogisches Arbeiten verbindet, einen Einblick in das daraus entstandene Theaterstück gaben. Anschließend hielten die Freiberger Studierenden kurze Vorträge zu ihren Seminararbeiten, die in eine rege Diskussion mündeten. Eine äußerst lehrreiche Erfahrung, sowohl aus wissenschaftlicher Sicht wie auch aus zwischenmenschlicher und „interkultureller“ Perspektive.

Ich halte Exkursionen wie diese für enorm wichtig. Für uns als Studierende der Geschichtswissenschaft ist es von großem Wert, die Bibliotheken und die eigene Stadt zu verlassen, um andernorts hautnah in Berührung mit „angewandter“ Geschichte zu kommen. Auch der Austausch mit Studierenden anderer Universitäten ist sehr gewinnbringend für die persönliche und akademische Entwicklung. Daher möchte ich dem Verein der Freunde der Geschichtswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz e. V. und dem Verein der Freunde der Universität e.V. danken, die uns durch ihre Förderung ermöglichen, an solch wertvollen Exkursionen teilzunehmen.

Eine Gruppe Studierender ist auf einer Treppe aufgestellt. Neben der Treppe ist ein Trabant erkennbar.

Bericht von Victor Rassadin

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